Panta Rhei
„Alles fließt. Man kann nicht zweimal in denselben Fluss steigen."
„Werden und Vergehen sind ein ewiger Fluss. Leben und Tod, Jugend und Alter, beständig schlägt das eine um ins andere, und das andre wiederum ins eine.“
Heraklit, um 500 v. Chr.
Wie die Dinge in Fluss kamen
Auf der Höhe des Leithagebirges, hoch über Eisenstadt, drängen sich philosophische Gedanken geradezu auf. Der Blick fällt weit ins Land hinein, über die scheinbar ewige und doch in jeder Sekunde neue Wasserfläche des Neusiedler Sees, über knorrige alte Eichen und jung wuchernde Sträucher. Wo die Hänge sanfter werden, wachsen Reben – Trauben, in denen der Stoff für wahrhaft große Weine schlummert, die ihr Potenzial aber oft genug nicht ausschöpfen können („die den in ihnen enthaltenen Zweck nicht verwirklichen“ – hätte Aristoteles gesagt…). Denn vielfach werden die hier gelesenen Trauben von den Produzenten einfach an große Winzerbetriebe verkauft, landen in namenlosen Landwein-Cuvées.
Im Frühjahr 2006 wollten zwei Produzenten, Hannes Wimmer und Karl Reiter, diese unbefriedigende Situation nicht länger hinnehmen und suchten Rat am anderen Ende des Sees: in Andau bei Hans Schwarz einerseits, sowie in Apetlon bei den Brüdern Heinz und Hellmut Velich andererseits. Heinz Velich ist bekannt für seinen „Tiglat“ und „Darscho“ – also zwei Weine, die den Chardonnay für das Burgenland neu definierten. Hans Schwarz, der charismatische Fleischhauer, bullige Genussmensch und Winzer aus Leidenschaft keltert im Seewinkel die Ausnahmeweine „Schwarz weiß“ und „Schwarz rot“. Alle drei interessierten sich schon länger für das Terroir am Leithaberg. „Rund um Eisenstadt, speziell bei St. Georgen, herrschen Bedingungen, die an das nördliche Burgund erinnern“, zeigt sich Hellmut Velich fasziniert, „das Klima mit den kühlen Nächten und warmen Herbsttagen ist ähnlich, ebenso das hügelige Gelände, die Hangneigung, vor allem aber die sehr mineralischen, zum Teil extrem kalkhaltigen Böden.“
Schlussendlich wurden die unterschiedlichen Ideen in ein stimmiges Konzept vereint: Eine Familie von terroirgeprägten Weinen, die aus dem Zusammenfließen unterschiedlicher Elemente entstehen – Hitze der Sonne und Kühle des Waldes, die warme Luft aus der Ebene des Sees, der mineralische Boden, die Visionen der beteiligten Winzer. Hellmut fand dafür auch die passende Analogie im berühmten Zitat des griechischen Philosophen Heraklit: Panta Rhei – Alles fließt.
Hans, Heinz und Hellmut erkannten rasch das ungeheure Potenzial des Projekts: Die Chance, wie ein Négociant-éleveur des Burgund die besten Trauben aus einer relativ großen Anbaufläche auswählen zu können, die besten Lagen mit zum Teil sehr alten Beständen für sich zu reservieren. Die Möglichkeit, mit den Produzenten über Qualitätsarbeit im Weingarten und bei der Lese zu verhandeln. Nicht zuletzt die Gelegenheit, ihre Erfahrung aus den warmen Lagen des Seewinkels in einem Anbaugebiet mit ganz neuen Bedingungen einsetzen zu können.
Die Arbeitsteilung ergab sich fast zwangsläufig: Heinz Velich vinifizert die Weißweine, Hans Schwarz keltert die Roten, Hellmut kümmert sich um Marketing und Vertrieb. Ein wichtiger Aspekt war, dass der Reifeverlauf in den Regionen starke Unterschiede aufweist: Am Leithaberg reifen die Trauben deutlich später als in der Wärme des Seewinkels. Das macht ein nahtloses Abstimmen der Arbeiten möglich – in Andau und Apetlon sind Zweigelt und Chardonnay bereits im Fass, sobald die Lese der Trauben für die Panta-Rhei-Weine beginnt.
Die Philosophie
Panta Rhei folgt dem Gedanken des Terroirs. Die Weine sind bei aller Eigenständigkeit als Gewächse des Leithabergs erkennbar: Reif undsaftig durch die langen sonnigen Herbsttage; von eleganter, kühler Frucht dank der kalten Nächte; mineralisch-würzig durch den Einfluss des Bodens.
Der Name Panta Rhei ist Programm – nicht nur, weil die Protagonisten eine Zuneigung zu den alten griechischen Philosophen teilen. Das Zusammenfließen unterschiedlicher Elemente zu einem neuen Ganzen prägt das Projekt in allen seinen Facetten: Verschiedene Rebsorten verschmelzen zur unverwechselbaren Einheit. Unterschiedliche Persönlichkeiten bringen ihre Sicht, ihre Ideen ein. Selbst Bouquet und Geschmacksprofil der Weine lassen sich nur als Zusammenspiel mehrerer Facetten, mehrere Ebenen verstehen.
Nicht zuletzt verändert sich auch das Endprodukt beständig – im Fass, in der Flasche, im Glas. Man kann nicht zweimal denselben Wein trinken. Panta Rhei.
Und es fließt… – Sorten, Weine, Stilistik
Die Zone des Leithagebirges, aus der die Trauben für Panta Rhei stammen, ist prädestiniert für Sorten wie Chardonnay, Grüner Veltliner, Blaufränkisch und Pinot Noir – Weine, die von kühler Frucht und Mineralität profitieren, wie sie der Boden und das Kleinklima hier zuwege bringen. Zugleich bergen die Hänge aber auch Überraschungen: etwa den faszinierenden Riesling, der in einem alten Weingarten auf Urgesteinsboden wächst und ebenfalls für das Projekt zur Verfügung steht. Oder die Bestände an Stöcken mit den Bordeaux-Sorten Cabernet Sauvignon, Cabernet Franc und Merlot, die hier saftige Reife und mineralische Würze entwickeln.
Panta Rhei startet mit fünf Weinen:
- Chardonnay
- Riesling
- Blaufränkisch
- Pinot Noir
- Cabarhei – eine Bordeaux-ähnliche Cuvée aus Cabernet Sauvignon, Cabernet Franc und Merlot
Ab 2010 wird voraussichtlich auch ein Grüner Veltliner dazukommen.
Um den Charakter des Terroirs möglichst unverfälscht in die Flasche zu bringen, praktizieren die Panta Rhei- Winzer naturnahe Produktion. Die Arbeit im Weingarten zielt auf nachhaltiges Wachstum gesunder Pflanzen und kommt daher mit einem Minimum an Pflanzenschutz aus. Die Vergärung erfolgt mit natürlichen Hefen, wobei der Rhythmus vom Wein selbst vorgegeben wird. Für den Ausbau kommen die Weine in Holzfässer – doch erfolgt der Holzeinsatz dezent und zurückhaltend, stets mit dem Ziel, die Typizität der Sorten und Lagen zu unterstützen und nicht zu überdecken.
Das Ergebnis sind Weine von sehr eigenständigem Charakter, die sich nicht sofort erschließen, sondern zum Entdecken einladen: Sie zeigen markante Frucht und herzhafte Würze, kräftige Struktur, langen Abgang – und das Potenzial, sich beständig weiter zu entwickeln.