Verschluss-Sache aus Ausgabe 1/2005

Die Korkfehlerraten steigen bei den regelmäßigen A la Carte-Verkostungen dramatisch an. Zehn Prozent sofort eindeutig schmeckbare (und daher auch sofort reklamierbare) Fehler sind längst keine Seltenheit, dazu kommt noch eine Dunkelziffer, die bei 20 bis 30 Prozent liegt, bei denen der Wein ohne erkennbaren Fehler einfach nicht so schmeckt, wie er soll, was mit schöner Regelmäßigkeit (zumindest bei unseren Blindproben) durch die sofort geöffnete Konterflasche bestätigt wird.
Text: Michael Prónay

Korkfehler gibt es gleich mehrere. Neben dem klassischen Korkschmecker, der durch 2,4,6-Trichloranisol (TCA) verursacht wird, gibt's noch ein halbes Dutzend weitere chemische Substanzen, die den Wein beeinträchtigen, darunter 2,3,4,6-Tetrachloranisol (TeCA), der den Wein stumpf macht. Daneben sind zwei weitere häufige Phänomene bekannt, die von der australischen Weinforschung als „fruit scalping“ (dem Wein fehlt einfach die Frucht) und „random oxidation“ (zufällige Oxidation: Eine Flasche ist wesentlich weiter entwickelt, als sie sein sollte, bis zum kompletten Firnigwerden) bezeichnet werden. Das, was down under „fruit scalping“ heißt, wird hierzulande als „Korkschleicher“ bezeichnet: Ohne sofort erkennbaren Fehler schmeckt der Wein ganz einfach nicht so, wie er soll (und wie man es aus fehlerfreien Konterflaschen überprüfen kann).

Willi Sattler , der steirische Topwinzer, kämpft seit Jahren mit dem Problem: „Da unternimmt man alles Menschenmögliche, um das Produkt vom Weingarten bis in die Flasche perfekt zu gestalten, und dann kommt so ein verschimmeltes Stück Baumrinde und macht die ganze Arbeit zunichte. Man muss es einmal ganz drastisch sagen: Die komplette Lebensmittelindustrie würde von der Lebensmittelinspektion zugesperrt werden, wenn dort Verpackungsmaterialien mit einem Schimmelbefallsgrad benützt werden würden, wie es beim Naturkork üblich ist.“ Willi Sattler weiß, wovon er redet: „Wir waren mehrfach in den Korkeichengebieten Portugals. Dort herrschen nach wie vor hygienische Zustände, die man sich nicht vorstellen kann. In der kompletten Korkverarbeitung riecht es nach Schimmel. Nach dem Abkochen der Rinde liegt diese zwei oder drei Wochen herum, aber schon nach zwei, drei Tagen fängt der Schimmel zu wachsen an. Am Ende sind die kompletten Rinden verschimmelt. Auf unseren schüchternen Hinweis, dass diese Verarbeitungsmethode vielleicht nicht ganz das Wahre wäre, wurden wir nur ausgelacht. Dennoch: In keinem anderen Produktbereich gibt es Fehlerraten wie die, die wir beim Kork akzeptieren müssen.“

Willi Sattler betreibt – gemeinsam mit Manfred Tement und Alois Gross – einen „Riesenaufwand beim Korkeinkauf. Wir testen von jeder 10- bis 50.000-Stück-Charge 200 Korken und kaufen nur fehlerfreie Chargen, von zehn getesteten Chargen maximal zwei. Und dann hoffen wir, dass die gelieferte Charge auch tatsächlich dem Muster entspricht.“ Gab's schon Probleme? „Und wie! 2002 hatten wir zuwenig fehlerfreie Chargen ausgetestet und mussten eine ungetestete 10.000er-Partie nehmen. Das Ergebnis: 100 Prozent Fehleranteil. Jede Flasche schmeckte leicht stumpf. Die Korkfirma hat tatsächlich den kompletten Weinwert ersetzt, aber das Problem war, dass wir nur 5.000 Flaschen haben ausleeren können, die andere Hälfte war bereits auf dem Markt. Wir hatten übrigens keine höheren Reklamationen, was durchaus ein böses Zeichen ist: Dann ist halt der Wein – und damit auch das Weingut – ,nicht so toll, wie die immer sagen‘. Und schon ist die Arbeit eines Jahres beim Teufel.“
Doch das Problem betrifft nicht nur die eigenen Weine: „Wir trinken ja auch international, und von zehn Flaschen aus aller Welt, die am Tisch stehen, korken regelmäßig zwei bis drei. Nicht nur ist der Trinkspaß weg, es geht ja auch ein Haufen Geld kaputt. Gute Weine haben ihren Preis, Anspruch auf Ersatz hat man in der Praxis nicht – außer man ist Privatstammkunde am Weingut, aber das ist halt eher selten der Fall.“ Spart man beim Korkeinkauf? „Dieser Vorwurf, der offenbar nicht umzubringen ist, ist absolut grotesk. Bei den Topweinen zahlen wir inzwischen 60 Cent für den Korkstöpsel. Und sogar Petrus hat schon gekorkt.“

Weniger emotional, dafür aber nicht minder fundiert, argumentiert Josef Umathum : „Wir geben im Betrieb für Korken dasselbe Geld aus wie für die Lohnkosten der Mitarbeiter – und wenn ich mit meinen Mitarbeitern dieselbe Problemquote hätte wie mit Korken, müsste ich meinen Job aufgeben und den Betrieb zusperren. Wenn es von Kundenseite Reklamationen im tatsächlichen Ausmaß des Problems gäbe – in der Praxis sind's nur ein bis zwei Promille – dann hätten wir ernstliche betriebswirtschaftliche Probleme. Wenn ich heute 12 Flaschen Welschriesling oder Zweigelt aufmache, habe ich jedesmal drei bis vier verschiedene Weine. Wenn man den Wein wirklich gut kennt, dann merkt man die kleinen, leisen Beeinträchtigungen. Aber gerade die werden in der Praxis nie reklamiert. Ich komme mir manchmal vor wie ein Glücksspieler und nicht wie einer, der seriös versucht, guten Wein zu machen.“

Wie sieht das Korkproblem historisch aus? Umathum: „Ich bin jetzt 20 Jahre im Geschäft. Früher einmal, wenn's nicht gepasst hat, hat man den Lieferanten gewechselt, bis man nach fünf Jahren alle durchhatte und wieder beim selben war. So ging's also nicht weiter. Dann habe ich auf die ISO-Zertifizierung der Lieferanten bestanden, dass beispielsweise die geschälten Rinden auf Kunststoffpaletten auf Beton (und nicht auf dem Erdboden) lagern oder dass nach dem Auskochen der Rinden das Wasser gewechselt wird. Das hat zu deutlichen Fortschritten geführt: Seither sind die klaren Korkschmecker deutlich zurückgegangen – aber von den Schleichern gibt's nach wie vor mehr als genug.“

Sieht Umathum die Chance durch höhere Preise bessere Korken zu beziehen? „Kaum. Vor 20 Jahren hat ein Topkork 2,50 Schilling (18 Cent) gekostet, derselbe Kork heute 7,50 bis 8 Schilling (ca. 60 Cent). Früher waren die Korken vergleichsweise in einheitlich schöner Qualität. Heute sind schon rein optisch 20 bis 30 Prozent der Korken solche, die nichts in dieser Qualitätsklasse zu suchen haben. Der Grund ist klar: Niedrige Qualitäten sind unverkäuflich, weshalb der Schrott gleichmäßig verteilt wird. Korken sind also nicht nur teurer, sondern auch schlechter geworden.“ Wie halten es die Lieferanten mit Reklamationen? „Die guten Lieferanten ersetzen zum Weinpreis, die schlechten nicht. Unsere Reklamationen belaufen sich auf etwa 10.000 Euro im Jahr, davon bekommen wir 80 bis 90% ersetzt. Aber das reicht nicht, denn es sind die Schleicher, die uns schaden. Wenn ich einen Wein mit echtem Korkfehler öffne, freu ich mich – so pervers das klingt –, denn dann hab ich die miese Flasche, und nicht ein zahlender Kunde.“

Wie war das mit Hannes Hirsch , dem absoluten Pionier unter den Alternativverschließern, der seit 2003 den gesamten Wein unter Drehverschluss füllt? „Angefangen hat's im Juni 2002, da war ein Topsommelier aus den USA bei uns, Paul Grieco von der Gramercy Tavern in New York. Der sagte: ,Füll deine Weine mit Drehverschluss und fang bei den Topweinen an!‘ Haha, hab' ich mir gedacht, spinn dich woanders aus. Aber die Korkschleichergeschichten sind immer mehr geworden. Ich hab pausenlos Anrufe gekriegt: ,Schon wieder ein Kork!‘ Ich erinnere mich an eine Vertikale unserer Weine zurück bis 1997, da hab' ich schon automatisch drei Flaschen pro Wein eingekühlt, und das waren immer noch zu wenig. Echter Auslöser war die Trockenbeerenauslese 2000, ein 19,5-Punkte-Wein bei Vinaria. Vier Flaschen hatte ich auf der ProWein eingekühlt, keine einzige konnte ich verkosten lassen. Da war der Punkt erreicht: Ein Jahr Arbeit, von 9 Hektar hatten wir ganze 150 Liter geerntet – ich mach doch keinen Wein, um ihn wegzuleeren!“ Keine Chance für den Kork? „Meine Aufgabe ist es beileibe nicht, einmal im Jahr in einen Korkwald zu fahren und eine Charge auszuwählen, von der ich erst recht nicht weiß, ob ich dann diese Korken tatsächlich geliefert bekomme.“ Sieht der Pionier sich als Aufklärer? „Nicht mehr. Ich kann und will meinen Entschluss niemandem mehr erklären, ich brauch' mich nicht zu rechtfertigen. Was ich möchte, ist, dass man meine Absicht, mein Produkt bestmöglich zu schützen, respektiert. Was ich nicht will, ist, dass nach einem Jahr intensiver Arbeit 2, 5, 20 oder 40 Prozent meiner Arbeit – wobei ich über Prozentsätze längst nicht mehr streite – beeinträchtigt ist. Respekt, den wünsche ich, nicht mehr und nicht weniger.“

Ganz ähnlich sieht das auch Fritz Miesbauer , der Leiter des Weinguts der Stadt Krems: „Die heutige Korkfehlerraten sind einfach irre und schlichtweg nicht akzeptabel.“ Ob allerdings sein Ziel, durch Umsteigen auf den Alternativverschluss (in diesem Fall auf den Glasstöpsel) den Druck von der Korkindustrie zu nehmen und dadurch wieder zu besseren Korkqualitäten zu kommen, realistisch ist, darf bezweifelt werden: Selbiges hat man dem – inzwischen wesentlich weiter verbreiteten – Kunststoffstöpsel vorhergesagt, mit den bekannt katastrophalen Korkfehlerquoten heute.

Ganz deutlich bringt es Bernhard Ott, „Mister Veltliner“ aus Feuersbrunn, auf den Punkt: „Im Grunde ist es ganz einfach: Die Qualität, die ich produziere, die will ich auch in der Flasche haben. Das war eindeutig das stärkste Motiv des Umdenkens bei uns im Betrieb. Bei Naturkork gibt es Ausfälle in nicht mehr tolerablem Ausmaß. Heutzutage ist die Arbeit im Weinberg ausgesprochen intensiv – wenn man in der Topklasse mitspielen will –, auch im Keller sind die meisten fit. Es kommt immer mehr auf Lagen und Kleinklima an. Die Harmonie muss aus dem Weinberg kommen. Da kann die logische Denkrichtung im Keller nur lauten: Alles Edelstahl, damit die Aromatik und Finesse der Lage auch zum Kunden kommt. Der Drehverschluss ist dann der logische Abschluss. Damit kann ich bei jeder Flasche die Vorfreude auf den Genuss garantieren. Selbst alternativverschlusskritische Kollegen werden bestätigen: Man hat eine Flasche mit – aber man weiß nicht, ob sie sich so zeigt, wie man es will. Mit anderen Worten: Wenn man Zufälle während der Produktion so weit wie möglich ausschließen will, dann ist der Drehverschluss nur die letzte Konsequenz.“

Peter Szigeti , Verkaufs- und Marketingchef der gleichnamigen Sektkellerei in Gols (Bruder Norbert leitet die Produktion) hat ebenfalls seine Probleme mit dem Naturkork: „Es sind ja nicht nur die bekannten eindeutigen Korkschmecker, die in jüngerer Zeit stark zugenommen haben, genau wie die Korkschleicher, die dazu führen, dass ein Teil oder die ganze Frucht einer Flasche plötzlich futsch sind – es gibt auch andere Probleme, die beim Stillwein in dieser Form nicht auftreten.“ Zum Beispiel? „Wir hatten eine Korkcharge, die war plötzlich ein wenig kleiner im Durchmesser, was bei 20% der Flaschen zu rapidem Druckverlust geführt hat. Was soll ich mit einem Sekt, der wie Frizzante schmeckt? Oder: Wir hatten einmal eine Charge, bei der das Aufbringen des Gleitmittels vergessen wurde: Zu Silvester im Restaurant sind die Korken abgerissen, anstatt zu knallen. Schöne Bescherung!“ Den Konsumenten, die bedingungslos für den Kork eintreten, empfiehlt er ein einfaches Experiment: „Lassen Sie sich vom Winzer 20 neue Korken geben, legen Sie diese in Gläser mit Wasser ein und stellen diese, mit einer Untertasse verschlossen, auf die Heizung – und dann testen Sie ein, zwei Tage später die Farbe und den Geruch des Wassers. Sie werden Ihr blaues Wunder erleben!“

Rupert Summerer in Langenlois ist mit dem Jahrgang 2004 komplett auf den Glasverschluss umgestiegen. Davor suchte er andere Alternativen für Naturkork. „Die erste Idee war der Kunststoffstöpsel. Den haben wir auch eingesetzt, aber mit schlechten Erfahrungen. Eine Konsumpflicht 12 bis 15 Monate nach der Füllung bringt's ja nicht, vor allem auf Exportmärkten, wo die Weine reifer getrunken werden.“ Vor zwei Jahren gab's dann einen ganz einfachen Test mit Naturkork, Kunststoffstöpsel, Dreh- und Glasverschluss. Die Flaschen blieben über den Sommer im Freien (im Schatten). Im Herbst wurde probiert. Der Wein war nicht kaputt, aber deutlich gereift. Unter Plastik war er noch reifer. Der Wein unter Kork war zwar frisch, nur hat jede dritte Flasche gekorkt. Dreh- und Glasverschluss waren einheitlich und am frischesten. Womit dann die Wahl klar war.

Ist der Kunststoffstöpsel wirklich so „out“? Willi Sattler : „Für Weine, die schnell getrunken werden, war's eine tolle Alternative. Aber leider hat der Wein ein Ablaufdatum, denn der Synthetikpfropfen lässt Luft in die Flasche, der Schwefel wird rapide abgebaut. Nach einem halben, maximal einem Jahr liegt der SO2-Wert bei Null und der Wein beginnt zu oxidieren.
Noch skeptischer ist Josef Umathum: „Plastik ist absolut fahrlässig. Wir haben ein einziges Mal 50 Stück verwendet – und das war eine Katastrophe. Ich habe plastikverstöpselte Weine von Kollegen im Keller: Entweder sind sie oxidativ oder haben einen Plastikgeschmack. Der einzige Vorteil: Der Winzer braucht keine technische Umrüstung. Übrigens: Die Korkvertreter haben auch Plastikstöpsel im Angebot – und bedienen sich derselben Behauptungen nach dem Motto ,wir haben jetzt das Problem im Griff.‘“

Übrigens stimmt das mit der wirklich kurzen Lebensdauer der Weine unter Plastik tatsächlich. Nicht nur gibt's inzwischen Studien in Australien, die genau das belegen (nämlich hohe Sauerstoffdurchlässigkeit und damit rascherer SO2-Abbau und ergo Oxidation), auch die Homepage von Nomacorc, dem hierzulande am häufigsten verwendeten Plastikstöpsel (der, der aussieht als wäre er abgeschnitten wie eine Wurst), gibt sich ungewollt verräterisch: „Nomacorcs provide a very consistent barrier to oxygen transmission resulting in a predictable shelf life based on the type of wine and initial SO2 levels.“ „Nomacork bildet eine sehr gleichmäßige Sauerstoffschranke, die eine genaue Regallebensdauerprognose in Funktion von Wein und ursprünglichem SO2-Wert ermöglicht.“ Eine „vorhersagbare Regallebensdauer“ bedeutet aber schlicht: Die Weine haben ein Ablaufdatum.

Welche seriösen Alternativverschlüsse gibt es überhaupt? Willi Sattler : „Es gibt den Kronenkork, den Schraub- oder Drehverschluss und inzwischen den neuen Glasverschluss ,Vino-Lok‘, von ALCOA Deutschland entwickelt. Technisch sind alle drei wunderbar, am besten ist wahrscheinlich der Kronenkork, der Sekt mit 6 bar Druck über Jahrzehnte dicht zu halten vermag.“ Allerdings hat der Kronenkork – wie der Schrauber – ein ähnliches Akzeptanzproblem: „Viele Konsumenten – auch ich! – haben, wenn sie eine drehverschlossene Flasche in die Hand nehmen, im Unterbewusstsein ein Problem. Bei mir wird das sofort wieder verdrängt, weil bei mir der Kopf über den Bauch die Oberhand behält. Unser Auftrag ist es, diese Vorurteile gegenüber den alternativen Verschlüssen abzubauen.“ Wozu auch wir gerne unser Scherflein beitragen. „An sich wäre mir der Schrauber – weil jahrzehntelang bewährt – am liebsten gewesen, doch hat der Glasstöpsel den Vorteil, sehr positiv besetzt zu sein, man denke an hochwertige Flacons, Apothekerflaschen und dergleichen, auch stimmen Haptik und Gewicht des Stöpsels. Was allerdings kaum jemand weiß, ist die Tatsache, dass die Dichtungsmasse bei allen drei Verschlüssen dieselbe ist: PVDC, Polyvinylidenchlorid, seit Jahrzehnten bei Lebensmitteln im Einsatz.“

Wie ist das mit der immer wieder geäußerten Meinung, der Wein müsse durch den Korken – wenn auch offenbar in minimalen Mengen – „atmen“, um richtig reifen zu können? Nochmals Willi Sattler: „Aber woher denn. Es ist bekannt, dass Großflaschen langsamer reifen. Guter Kork ist möglichst gasdicht. Die besten Flaschen sind immer die ohne Schwund mit einem trockenen Korken. Die Luft im Wein genügt völlig zur Reifung.“

Wie kam's dann schließlich zum Glasverschluss? Sattler : „Wir haben ja alles Mögliche ausprobiert: verschiedene Kunststoffstöpsel (die übrigens immer schwächer sind als gute Korken), auch unseren Sauvignon Blanc unter Glas gegen Kork: Der glasverschlossene war immer frischer, reduktiver, klarer und der Perfektion nahe. Mein Ziel ist einfach: 10 Flaschen haben alle gleich zu schmecken, es darf nicht sein, dass jede Flasche anders schmeckt wie derzeit unter Kork.“ So kam's zur „Nullserie“ bei Sattler, Summerer und dem Weingut Stadt Krems. „Die Reaktion war fulminant, die Kunden begeistert. Wir hätten die 10- oder 20-fache Menge verkaufen können. Heuer füllen wir 120.000 von 200.000 Flaschen alternativ.“
Keine Wermutstropfen in Sachen Kork? „Der Verschluss kann und soll nicht zu einem Glaubenskrieg ausarten. Natürlich, auch ich verspüre Wehmut, weil das Korkenziehen eine Zeremonie seit der Kindheit ist. Aber unsere Weißweine sind um so viel besser geworden als früher, wo leichte Fehler eher unbemerkt blieben.“ Und: „Glas ist der Türöffner für die Alternativverschlüsse, dann wäre der logische nächste Schritt zum Schrauber nicht mehr so schwer. Meine Hoffnung geht dahin, keine schlaflosen Nächte mehr zu haben. Wenn ich drei Korker hintereinander habe, mach' ich sofort zwei Kisten auf, um zu checken, ob da mehr los ist. Ganz ehrlich: Ich hasse Abenteuer beim Korkenziehen. Würden Sie Ihr Wurstbrot in eine verschimmelte Baumrinde einpacken? Na eben.“

Josef Umathum , ganz nüchtern: „Der Kern der Sache ist: Viele Winzer sind prinzipiell für die Alternativen, aber man möchte sich erst den Markt anschauen. Jeder wartet, was der andere tut. Aber wir haben lang genug zugeschaut, wir müssen was tun. Der Schraubverschluss ist technisch absolut super und jahrzehntelang bewährt. Ich habe verschiedene Musterflaschen gefüllt. Bei Glas sagt jeder ,da hat man was in der Hand‘, der Vino-Lok ist haptisch wesentlich wertiger als der Schrauber und kommt dadurch dem Kork doch am nächsten, was beweist, dass der Verschluss eine emotionale Komponente hat – wie ja das Weintrinken auch.“ Haben die Alternativen im Topsegment Zukunft? „Ja. Wenn ich einen 30- bis 40-Euro-Wein kaufe, dann müsste das Argument der garantierten Fehlerfreiheit greifen. Wenn Bio-Betriebe sich zu Alternativverschlüssen durchringen würden, dann wäre das wahrscheinlich der Durchbruch. Unsere Kunden sind konservativ, wie wir ja auch. Es ist übrigens interessant, dass sich ausgerechnet die Gastronomie so gegen die Alternativen wehrt – dabei könnte sie Vorreiter sein.“ Wobei wir hier anmerken, dass beispielsweise Adi Schmid im Steirereck nicht die geringsten Berührungsängste hat, ganz im Gegenteil: „Ob ich – plop – den Korken ziehe – krk – den Schrauber abdreh' oder den Flaschenhals abbeiße – völlig wurscht, wichtig ist, was der Gast im Glas hat.“

Auch Fritz Miesbauer ist optimistisch: „Nicht nur ist die Akzeptanz auf Seiten der Kundschaft weit überwiegend positiv, auch die Qualität hält, was sie verspricht. Wir lassen seit einem Jahr einmal im Monat Referenzflaschen in der Bundeskellereiinspektion in Krems kosten, und das schlechteste Ergebnis, das der Glasstöpsel je hatte, war 11:1 für Glas.“ Heuer werden 60.000 Flaschen im Mittelbau gefüllt, Tendenz „vermutlich steigend. Es kann durchaus sein, dass der Glasstöpsel dem Schrauber den Weg ebnet.“

Rupert Summerer ist in Sachen Glasverschluss ein Vorreiter, füllt heuer die komplette Ernte 2004 unter Glas. Er legt übrigens Wert auf die Feststellung, dass der Glasverschluss „mitnichten so teuer ist, wie alle behaupten: Wir zahlen 225 Euro für 1.000 Flaschen und 305 Euro für 1.000 Stöpsel – macht in Summe 53 Cent pro Flasche, das kostet ein guter Kork heute auch.“
Auch Hannes Hirsch hat das Problem, ein Vorurteil widerlegen zu müssen: „Wir wurden durch unsere Entscheidung für den Drehverschluss plötzlich in eine modernistische Ecke gedrängt, was von vorn bis hinten nicht stimmt. Wir sind ein Betrieb mit minimalistischer Intervention beim Weinmachen, wir rebeln nicht, wir vergären spontan – das kann vier Tage oder vier Monate dauern –, wir lassen den Weinen bewusst Zeit bis in den Herbst nach der Lese, betreiben also langen Hefekontakt und füllen im Vergleich extrem spät. Mit anderen Worten: Die Verpackung hat absolut nichts mit der Idee hinter dem Wein zu tun.“ Als Vorreiter in Sachen Drehverschluss gesteht er auch gerne, dass ihm eines maßlos auf die Nerven geht: „Die Gerüchteküche. Es ist absolut unglaublich, was da hinter vorgehaltener Hand an Lug und Trug weitergegeben wird. Solche angebliche Insiderinformationen der letzten Monate, uns betreffend, waren, dass wir angeblich überhaupt nie die Topweine unter Drehverschluss gefüllt haben, ein anderes Gerücht behauptet, wir hätten solche Einbrüche, dass wir reumütig zum Korken zurückkehren würden. Mich selber stört das weniger, weil ich ja weiß, dass das hinten und vorn nicht stimmt. Aber es ist schade, wenn sich Kollegen, die sich für alternative Verschlussmethoden interessieren, aus mehr als durchsichtigen Gründen ins Bockshorn jagen lassen.“

Für Bernhard Ott ist eines klar: „Die technische Seite der Lösung wäre mit dem Schraubverschluss geschafft – jetzt geht's darum, die Akzeptanz und das Interesse auf Seite der Kunden zu wecken. Aus eigener Erfahrung weiß ich, der Griff zum Dreher ist mir in Fleisch und Blut übergegangen, ganz einfach, weil ich weiß, dass der Wein passt, mit null Prozent Streuverlust. Übrigens habe ich ausgesprochen positive Rückmeldungen aus der Gastronomie. Heuer füllen wir 70% unterm Schrauber: ,Am Berg‘ und ,Rosenberg‘ zur Gänze, ,Fass 4‘ zum Großteil, ,Der Ott‘ und die ,Reserve‘ zu 50%. Wir werden einmal die Reaktionen beobachten, auch intensive Diskussionen führen, aber ich bin sicher, dass sich der Drehverschluss einen fixen Marktanteil erkämpfen wird.“ Hat er je negative Erfahrungen mit dem Dreher gehabt? „Nie, weder Rinner noch reduktive Noten.“ Er bringt die Causa wunderbar auf den Punkt: „Der Winzer trifft ja schon vor der Füllung tausend kleine Entscheidungen. Der Konsument kauft letztlich den Wein, weil er mit diesen tausend Entscheidungen gut leben kann. Und in letzter Konsequenz trifft der Winzer mit dem Alternativverschluss die tausenderste Entscheidung: die Garantie der gleichbleibenden Qualität von Flasche zu Flasche.“

Gute Nachrichten gibt's auch für Sektfreunde. Peter Szigeti : „Wir starten mit unserer Prestigelinie (,Blanc de Blancs‘, ,Rosé‘ aus Pinot Noir, ,Blanc de Noirs‘ aus St. Laurent und Pinot Noir) mit einer Charge mit Kronenkork. In Kürze kommt auch noch ein Traminersekt dazu.“ Fürchtet er nicht um das Erlebnis des Sektflaschenöffnens? „Ich komme ja aus der Gastronomie, bin Klessheim-Absolvent, und die Zeremonien auf Schloss Fuschl waren wunderschön – aber hier es geht um den Geschmack des Produkts, und da gibt's zum Kronenkork keine vernünftige Alternative. Der Schrauber ist auf Dauer nicht dicht, das wissen wir von den Piccolo-Flaschen aus leidvoller Erfahrung. Der Kronenkork ist aus Edelstahl und in der Champagne seit Jahrzehnten bewährt.“ Der Kronenkork ist für die Szigetis aber längst nicht neu: „Wir haben beim Frizzante die allerbesten Erfahrungen damit: Ganz leichte, fruchtbetonte Frizzante haben selbst nach einem ganzen Jahr unter dem Kronenkork immer noch die klare Frucht und saubere Reintönigkeit, ein Faktum, das der Kork nicht zu leisten imstande ist. Außer ,schön‘ und ,gewöhnt‘ spricht nichts mehr für den Korken. Wir haben beim Frizzante – trotz anfänglichen Widerständen – inzwischen alles auf Kronenkork umgestellt. Heute sind alle glücklich.“

Warum fängt man mit dem Kronenkork ganz oben im Segment an? „Weil dort ein Korkfehler oder Schleicher am meisten schmerzt. Wir sind uns 100%ig sicher, auf dem richtigen Weg zu sein: Ich lege die Flasche drei Jahre in den Keller und habe ein absolut ruhiges Gewissen. Beim Kork weiß man nie, woran man ist. Wir werden ein Kärtchen an die Flasche hängen: ,Wir wollen für Sie den besten Sekt, 100%ig frisch, 100%ig ohne Korkfehler – wir garantieren 100%ig für den Geschmack.‘ Schließlich geht's ums Produkt, nicht um die Verpackung. 97% unserer Kunden trinken den Sekt selber, kaum einer schenkt ihn weiter (was uns einen Überschuss an Geschenksverpackungen beschert hat), was aber andererseits darauf hinweist, dass unsere Kunden am Inhalt interessiert sind – und nicht an der Verpackung.“